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Pierre Schommer wurde Mitte Juni auf dem Nachhauseweg von Unbekannten zusammengeschlagen. Inzwischen kann der 65-jährige Thalwiler über die Attacke sprechen.
Bettina Ledergerber
Thalwil - Pierre Schommer kann sich noch gut an den Samstag, 18. Juni, erinnern und wie er gegen 23 Uhr heimgekehrt ist. Er weiss noch, wie er - wie immer zu Fuss - den Weg vom Bahnhof in Thalwil in Richtung Platte einschlug. Wie er nach einer Weile die Strassenseite wechselte. Wie er kurz eine Vierergruppe junger Männer wahrnahm, die ihn aber nicht weiter kümmerte. Wie er in seinen Hauseingang einbog. Nur einen Meter vor seiner Haustür bekam Schommer von hinten einen Schlag. Danach verschwimmen seine Erinnerungen. Er weiss noch, wie er auf dem Rücken lag und wenig später in seiner Wohnung stand.
Seinen linken Arm trägt Pierre Schommer immer noch in einer Schlaufe. Er hat Mühe, ihn in die Höhe zu heben. Er verspürt Schmerzen, erwacht davon, weil er sich im Schlaf bewegt. Doch er hat keine Gefühle des Hasses, er braucht auch keinen Sündenbock. Der Vorfall bleibt für ihn aber unerklärbar. Schommer wohnt im alten Dorfkern von Thalwil, wo es noch idyllisch ausschaut. Die Glocken der reformierten Kirche hört man in seiner Wohnung auch bei geschlossenen Fenstern. Hier gibt es Kopfsteinpflaster und schmucke Häuser mit Geranien vor den Fenstern.
Schlüsselbein gebrochen
Nach dem Überfall rief Schommer niemanden an. Als wäre nichts passiert, ging er ins Bett und schlief ein. Am nächsten Tag besuchte er einen Gottesdienst im Rahmen des Christopher Street Day und machte sich trotz Schmerzen im Schulterbereich auf die Reise zu seiner Maiensäss im Wallis. Er erzählt, wie er auf dem Weg mit 20 Kilogramm Gepäck auf dem Rücken fast zusammengebrochen sei. Zum Glück habe ein Einheimischer ihn mitgenommen. Erst am Donnerstag kehrte Schommer nach Thalwil zurück. Die Schmerzen waren unerträglich geworden, er ging zum Arzt und zur Polizei. Der Arzt diagnostizierte einen Schlüsselbeinbruch und mehrere schwere Prellungen im Kopf- und Brustbereich. Der Polizist setzte eine Anzeige auf. Das Komische sei, sagt Schommer, dass er nicht beraubt worden sei. Vielleicht, weil er sein Portemonnaie an diesem Tag mit einem Schlüssel am Gurt festgemacht habe. Es habe sich um drei oder vier Angreifer gehandelt. Zürcher Dialekt hätten sie gesprochen, glaubt das Vorstandsmitglied der schweizerischen Schwulenorganisation Pink Cross. Dass es ein homophober Angriff gewesen sein könnte, glaubt er aber kaum. Denn Schommer ist sensibilisiert darauf. «Wenn sie <schwul> gesagt hätten, wäre mir das geblieben», sagt er. Die einzige Erklärung, die dem hageren Mann bleibt, ist die «Lust an der Gewalt».
Von nun an nimmt er den Bus
Als Schommers Nachbarn vom Angriff erfuhren, schrieben sie «tief betroffen» einen Leserbrief. Schommer betont indes, er wolle keine Angst schüren. Die Leute sollten sich deswegen keinesfalls zu Hause verbarrikadieren, sagt er. «Aber vielleicht meldet sich jemand, der in jener Nacht etwas beobachtet hat.» Pierre Schommer wird auch in Zukunft wieder ab und zu ausgehen. Für den Weg nach Hause nimmt er seit dem 18. Juni aber immer den Bus. (Tages Anzeiger, 03.08.2011)
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