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Ein Porträt: Anita Danner (November 2009) Drucken E-Mail

Ein Interview mit Anita Danner, geführt von Petra Paul

HAZ-Magazin: Anita, was war bisher dein Highlight des Jahres 2009?

Anita Danner: Meine Geburtstagsfeier im Freundinnenkreis, mit ersten Naturmèches, ein halbes Jahrhundert! Und: dass ich bald Doppelbürgerin bin. Ich lebe seit 1981 in der Schweiz, habe also mein ganzes bewusstes Leben als Erwachsene in der Schweiz verbracht. Ich interessiere mich für die Politik hier und freue mich auf das Stimmrecht.

Beschäftigst du dich auch mit deiner ersten Heimat, Niedersachsen?

Ja, sicher. Ich besuche regelmässig meine Herkunftsfamilie in Lingen im Emsland. Die norddeutsche Tiefebene ist – rein landschaftlich – ein echtes Alternativprogramm zur Schweiz. Ebenso die dörflichen Strukturen.

Natürlich habe ich die Wahlen in Deutschland mitverfolgt und bin nun gespannt, wie sich ein schwuler Politiker heutzutage in internationalem Kontext bewegen kann in Konfrontation mit Regierungen, die eine eindeutig ablehnende Haltung zu Homosexualität haben.

Und dann lese ich gerade „den Turm“ von Uwe Tellkamp, über den Untergang der DDR. Ich habe in der Schweiz ostdeutsche Freunde, die die Authentizität von Tellkamps Schilderungen bestätigen, und finde es interessant, wie sich die Heimat dieser Freunde von meiner eigenen unterscheidet.

Du bist aktiv bei Wybernet, das lesbische Berufsfrauen untereinander vernetzt.

Ja, ich bin dort seit August 2007 im Vorstand tätig. Unser Hauptziel ist das Networking unter lesbischen Frauen, die sich in ihrem Beruf auf verschiedenen Ebenen engagieren. Etwa ein Drittel unserer Memberinnen sind selbstständige Geschäftsfrauen, andere sind, zum Teil in leitender Funktion, in unterschiedlichsten Branchen tätig. Inzwischen haben wir in der Schweiz fünf Regionalgruppen, ein echt lebendiges Netz. Wir bieten monatliche Apéros an. Regelmässig finden Inputs statt, wo frau ihr Berufsumfeld präsentiert. Es ist eine grosse Bereicherung, einen Einblick in ganz andere Berufskontexte zu erhalten.

Wichtig ist uns ebenso, die Präsenz und Sichtbarkeit von lesbisch lebenden Frauen zu erhöhen. So nehmen wir jeweils mit einem Stand am CSD (respektive in diesem Jahr an der Europride) teil. Dort besteht die Möglichkeit für Interessierte, mit uns direkt in Kontakt zu treten. Unser Talking-Team an der Europride war sehr aktiv, wir hatten im Anschluss mehr als 100 Interessierte. Weitere öffentliche Aktivitäten sind Teilnahme an Podiumsdiskussionen im lesbisch-schwulen Kontext, beim Luzerner Filmfestival Pink Panorama sowie beim Berner Filmfestival queersicht organisieren wir je einen Apéro. Wir sind Mitglied beim Dachverband der Schweizer Frauenverbände, der Allicance-f. Wir stehen im regen Austausch mit den Wirtschaftsweibern, unserem deutschen Pendant. Ebenso mit dem schwulen Netzwerk der Schweiz, dem NETWORK.

Im internationalen Kontext sind wir durch unsere Mitgliedschaft bei den Organisationen EGMA und IGLCC vernetzt. Ein Highlight in meiner Vorstandstätigkeit bei wybernet war der offene Empfang in der Schweizer Botschaft in Berlin im Jahre 2008.

Was machst du beruflich?

Ich arbeite zu 60% als Betriebsleiterin in einer sozialen Institution und übe zu 30% eine Beratungstätigkeit bei einer Non-Profit Organisation im Gesundheitswesen aus.

Wie hast du deine Partnerin kennen gelernt?

Beim Tennis. Wo frau sich früher an Workshops und bei politischen Aktivitäten näher kam, hat heute der Sport als Möglichkeit zur Begegnung an Bedeutung gewonnen. Im Laufe der Trainings merkte ich, dass ich Maria sehr mag, ich gerne mit und um sie bin und sie auch abseits des Tennisplatzes sehen und mit ihr sein möchte. Mein Gefühl hat sich bestätigt, ich bin glücklich mit ihr.

Ihr wart gemeinsam bei den Outgames in Kopenhagen und seid mit einer Silbermedaille im Tennisdoppel zurückgekehrt. Herzlichen Glückwunsch!

Danke. Ich bin keine Turnierspielerin. Maria schon. Sie fährt unter einem gewissen Druck zu Höchstleistungen auf. Die Stimmung in Kopenhagen war toll, bis ein homophob motivierter Anschlag das Gefühl des Getragenseins etwas erschüttert hat. Der Täter konnte gefasst werden. Und glücklicherweise hat er für seinen Anschlag das Laufstadium gewählt, wo alle fit genug waren, sich rechtzeitig in Sicherheit zu bringen. Leider erlitt trotzdem ein Sportler Verletzungen.

Du spielst bei „Deuce“, was ist das?

Eine Gruppe tennisbegeisterter Lesben, die vor drei Jahren zusammen gefunden hat. Noch sind wir ein loser Zusammenschluss, unsere gemeinsame Sportbegeisterung trägt uns. Ob wir uns in Zukunft als Verein konstitutionieren werden, ist noch offen. Neben dem regelmässigen Training im Kreise der Zürcher Tennisspielerinnen, treffen wir uns ca. alle zwei Monate auf ein freundschaftliches Doppel in Aarau, Bern, Basel, Luzern oder Zürich. Nächstes Jahr sind wir an den Gaygames in Köln präsent. Und: am Rainbow Open in Zürich war ich 2001 noch die einzige Teilnehmerin im rein schwulen Tableau, heuer waren wir mit über 20 Frauen dabei.

Was für Bezugspunkte hast du zu den HAZ ?

Ich schätze die Freundschaften, die sich über die Gruppe „Spätzünderinnen“ ergeben haben sowie den HAZ-Newsletter. Das Centro frequentiere ich selten, ausser mal zu einer Lesung. Ich wünsche mir für die HAZ einen würdigeren Standort, habe aber Verständnis, wenn der Wunsch nach einem nicht so exponierten Treffpunkt auch heute noch besteht.

Den HAZ wie dem Frauenzentrum stellt sich die Frage einer neuen Positionierung. Das neue FZ nehme ich als noch nicht als sehr lebendig wahr. Am alten Ort bestand die Möglichkeit, spontan hinzugehen, sich ungeniert zu bewegen, Informationen zu holen, die Bibliothek zu nutzen. Am neuen Ort gibt es ein Café mit frauenspezifischen Aktivitäten, aber kein reines FZ.

Bist du eine Szenegängerin?

Was ist „Szene“? ich bewege mich im Kreis von Wybernet, bin an der Europride, den Warmen Mai schätze ich sehr, Pink Apple auch. Disco und Tanzszene lasse ich eher links liegen, dafür habe ich mir „Lesben im Gespräch“, eine Diskussionsreihe mit spannenden Frauen über ihr Berufsfeld und die Bedeutung ihrer lesbischen Existenz fett in die Agenda eingetragen. Das ist für mich Szene. Schön finde ich: Zürich ist gross aber übersichtlich, frau begegnet sich immer wieder an diversen Veranstaltungen und kommt so ins Gespräch.

Ich bewege mich aber nicht nur lesBischwul. Ich habe fünf Patenkinder in unterschiedlichem Alter. Es ist mir wichtig, sie heranwachsen zu sehen und die Beziehung mit ihnen zu pflegen. So bin ich zum Beispiel mit allen gemeinsam per Nachtzug nach Dänemark ins Legoland gefahren, das war ein eindrückliches Erlebnis. Ausserdem mag ich Ausstellungen, Filme, Theater. – Gerade freue ich mich sehr auf die Maria Stuart im Schiffsbau und finde es toll, dass Barbara Frey als Regisseurin so wahrnehmbar ist, unabhängig davon, dass sie eine Lesbe ist.

Was fehlt Zürich?

Bessere Velowege! Ich fahre gern Velo, da ist Zürich noch entwicklungsfähig. Und ein Wunsch von mir – ein lebendiges, gut gelegenes Frauencafé – ohne jetzt Schleichwerbung machen zu wollen, ein frauenspezifisches spheres – Bar, Buch, Bühne – das schwebt mir vor.

Meine Partnerin lebt auf dem Land. Ich geniesse dieses Wechselspiel und habe durch Maria die Natur entdeckt und meine Aversion vor Hunden überwunden. Ich möchte mir von ihr gern ihre Heimat Kroatien zeigen lassen. Überhaupt freue ich mich auf Reisen mit ihr zu zweit, nach diesem für uns beide sozial sehr engagierten Jahr.

 

Internetadressen

  • Deuce, Tennis für Lesben: www.deuce-tennis.ch

  • Wybernet, Vernetzung für beruflich engagierte Lesben: www.wybernet.ch

  • Diskussionsreihe „Lesben im Gespräch“: www.wybernet.ch/events/2009/09/Lesben-im-Gesprch.pdf